Die Energiewende in der Praxis

Allgäuer Zeitung
– 30 „Strom-Pioniere“ in Wildpoldsried testen neue Netzstrukturen im Alltag.

Wildpoldsried – Was heißt Energiewende in der Praxis? Guido Eberle aus Wildpoldsried testet das seit 2011. Er ist einer von 30 „Strom- Pionieren“ im Allgäuer Energiedorf, die sich an einem Forschungsprojekt beteiligen. Unter IREN2 geht es jetzt in die nächste Runde. Strom wird immer mehr dezentral produziert. Dabei stellen Solaranlagen, Windparks und Biogasanlagen die Netzbetreiber vor neue Herausforderungen. Denn der erzeugte Strom muss so in das Verteilernetz integriert werden, dass er dem Verbraucher dann ausreichend zur Verfügung steht, wenn er ihn benötigt. Das wird seit drei Jahren in Wildpoldsried getestet.

Unter dem Stichwort „Integration Regenerativer Energiesysteme“ wurde beim ersten Projekt IRENE ein intelligentes Netz samt stationärem Batteriespeicher aufgebaut. IREN2 soll nun neuartige dezentrale Netzstrukturen wirtschaftlich und technisch verbessern. Dabei testen die Forschungspartner Allgäuer Überlandwerk, Hochschule Kempten, Technische Hochschule Aachen sowie als Industriepartner Siemens und IDKOM Networks GmbH Lösungen zur Stromversorgung mit einem hohen Anteil an regenerativen Energiequellen.

Strompionier Eberle findet das ganze Projekt „echt spannend“. Er war der erste Wildpoldsrieder mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Für IRENE wurden bei ihm zusätzliche Zähler in Keller und Dach installiert. Neun Monate lang durfte er zudem ein Elektroauto testen. Und Studenten der Hochschule Kempten stellten ihm und den anderen 29 Teilnehmern immer wieder kleine Aufgaben. So sollten sie gleichzeitig am Samstagvormittag um 9 Uhr ihre Elektroautos aufladen. Damit konnten die Forschungspartner Spitzenlasten im Netz beobachten. Ein anderes Mal durfte Eberle drei Tage lang nicht tanken oder nur die Tankstellen in Kempten benützen. Bei 8700 Fahrten legten die Teilnehmer insgesamt 85 000 Kilometer zurück. Und obwohl sein Elektroauto gelegentlich mit Kinderkrankheiten zu kämpfen hatte („bei Kälte war’s schwierig zu laden“), gab Eberle den kleinen Flitzer nur ungern wieder zurück. Sein Fazit: „Elektromobilität geht auch auf dem Land.“ Mit IREN2 wird er jetzt neue Aufgaben von den Forschern bekommen.

Bei einer Auftaktveranstaltung in Wildpoldsried stellten die Forschungspartner das dreijährige Projekt vor, in das insgesamt fünf Millionen Euro fließen. Das Wildpoldsrieder Projekt hat Modellcharakter. Schon heute werden in der Oberallgäuer Gemeinde fünf Mal mehr regenerative Energien erzeugt als das Dorf selbst benötigt.

von Edith Rayner